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"Es kann jeden treffen"


In der Fachklinik für Drogenrehabilitation in Wermsdorf werden Abhängige auf ihrem schweren Weg aus der Sucht begleitet. Bei einem Besuch von 19 Neuntklässlern des DPFA-Regenbogen-Gymnasiums Ende Februar standen neun Rehabilitanten den Schülern offen Rede und Antwort – und zwar von Angesicht zu Angesicht.

 

Die Hoffnung, von den Fesseln der Drogensucht befreit zu werden, verbinden viele Rehabilitanten mit ihrem Aufenthalt in der Fachklinik in Wermsdorf. Aus Rücksicht auf sie sind während des Besuches der DPFA-Schüler keine Fotos entstanden. Symbolfoto: Pixabay

 

Für die Erkenntnis des Tages – so bitter sie auch war – brauchte es gerade einmal vier Worte: „Es kann jeden treffen.“ Noch Tage nach der Exkursion in die Fachklinik für Drogenrehabilitation in Wermsdorf im Landkreis Nordsachsen ist Doreen Müller, Fachlehrerin und stellvertretende Schulleiterin des DPFA-Regenbogen-Gymnasiums, sichtlich berührt von der Begegnung mit neun Rehabilitanten der Einrichtung im Alter von 18 bis knapp 40 Jahren. „Face to face“ heißt das Angebot zur Suchtprävention der erst 2010 eröffneten Klinik. Es richtet sich an Schüler ab Klassenstufe 7 und hat vor allem eins zum Ziel: Drogenabhängige und Jugendliche miteinander ins Gespräch zu bringen. Insgesamt vier Stunden dauert der Besuch – und er hallt lange nach. Denn das, womit die Schüler an jenem Donnerstag Ende Februar konfrontiert werden, steht in keinem Lehrbuch und keinem Info-Flyer: Neun ganz persönliche Lebenswege. Es sind Leidenswege.

Fragen über Fragen

Zu Beginn des Treffens stellen sich die jungen Männer und eine Frau vor: Wie sie heißen, woher sie stammen (alle aus Sachsen), wie alt sie sind, wie lange sie schon von Drogen abhängig sind und von welchen, und wie oft sie schon versucht haben, davon loszukommen. Anschließend werden alle Fragen der Schüler auf ein Flipchart gebracht. Macht bereits der erste Kontakt mit Drogen abhängig? Wie geht eure Familie mit dem Konsum um? Wo sind eure Kinder jetzt? Wie finanziert ihr den Konsum? Wie haben sich die Drogen auf euren Beruf beziehungsweise die Schule ausgewirkt? Welche körperlichen Schäden habt ihr? Gab es einen Auslöser, mit den Drogen aufzuhören?  Es kommen vier Blätter zusammen, größer als DIN A1 und eng beschrieben. Den Schülern brennt das Thema förmlich unter den Nägeln.

Das ehrliche Interesse am Lebensweg der Rehabilitanten war groß: Die Fragen der DPFA-Schüler füllten vier große Flipchartblätter und reichten bis in ganz persönliche und sensible Bereiche. Foto: DPFA Augustusburg/Doreen Müller

Dann beginnt der eigentliche Workshop: Station 1 hält einen Geschicklichkeitsparcours für die Schüler bereit, der zunächst einmal „normal“ absolviert wird, beim zweiten Mal mit einer so genannten „Rauschbrille“. Sie simuliert den Zustand der Beeinträchtigung durch Alkohol. Die Stoppuhr zeigt große Abweichungen zum ersten Durchlauf an. An Station 2 bekommen die Schüler den Tagesablauf in der Klinik erklärt und erfahren, wie die Therapie in Wermsdorf aufgebaut ist. Station 3 trägt den Namen „Heißer Stuhl“. Hier steht – wie an allen anderen Stationen auch – ein Rehabilitant Rede und Antwort: offen, ehrlich, schonungslos und vor allem eins: reflektiert. Auch das ist Teil der Therapie. Die 4. und letzte Station offenbart den Schülern schließlich die ganze Not der Drogenabhängigen. Hier wird deutlich, dass es nicht „den einen“ Weg in die Sucht gibt. Vielmehr setzt er sich wie ein Puzzle aus ganz vielfältigen Ursachen zusammen. Gewalterfahrungen, Missbrauch und Drogenkonsum in der Herkunftsfamilie sind drei wesentliche, aber längst nicht die einzigen.

Authentisch und eindringlich

„Kein Unterricht der Welt hätte das Thema Drogen auf so eindringliche und authentische Art und Weise vermitteln können wie die persönliche Begegnung mit den Rehabilitanten“, resümiert Doreen Müller die Exkursion nach Wermsdorf. Am eindrücklichsten war für sie der Appell der Rehabilitanten an die Schüler: „Ihr seid genauso gefährdet. Ihr werdet alle mal in so eine Situation kommen, in der ihr mit Drogen in Kontakt kommt und dann wünschen wir euch, dass ihr die richtige Entscheidung trefft.“ Am Ende des Besuchs gibt es viele gute Worte – von beiden Seiten. „Das Feedback war sehr berührend“, so Doreen Müller. Die Schüler hätten viel Lob für ihre vielen Fragen und ihr ehrliches Interesse bekommen sowie dafür, dass sie keine Scheu gehabt hätten, ganz persönliche und sensible Themen anzusprechen. Die Schüler wiederum zollten den neun Rehabilitanten ihren größten Respekt für ihre Offenheit, Ehrlichkeit und den tiefen Einblick in ihre ganz persönliche Lebensgeschichte.